Lušci Palanka

Allgemeines

Bevölkerung 1991 (vor dem Krieg) Lušci Palanka und Umgebung: Moslems 0, Orthodoxe (Serben) 2847 = 99%, Katholiken (Kroaten) 0, "Jugos" 15 = 1%.

(Quelle: http://www.hdmagazine.com/bosnia/census/cens-sz.html)

Lušci Palanka alleine: Orthodoxe (Serben) =1050, Moslems = 0, Jugos =17, sonstige =12.

(Quelle: http://www.sanski-most.net/stanovnistvo.htm)

Lusci Palanka und das umliegende Gebiet war also vor dem Krieg rein christlichbesiedelt.

Eine Reise in die Vergangenheit

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Lusci Palanka Hauptstrasse Sanski Most Bosanska KrupaDie Hauptstrasse von Sanski Most nach Bosanska Krupa. Früher einmal die schönsten Häuser gegenüber der zerstörten orthodoxen Kirche. Von der Rückseite aus hatten diese Anwesen einen herrlichen Blick über das ganze Tal und auf das Gebirgsmassiv des Grmeč. Die Natur hat sich inzwischen die Ruinen zurückerobert. Das früher fast ausschließlich von orthodoxen Bosniern (Serben) bewohnte Dorf steht heute unter moslemischer Verwaltung (Sanski Most). Die Serben kommen nur äußerst zögerlich in ihre Heimat zurück. Der untere Stadtteil, rechts hinter diesen Ruinen gelegen, ist weniger zerstört. Nach der Vertreibung der Christen im August 1995 fanden in Lušci Palanka moslemische Flüchtlinge, überwiegend aus Prijedor Zuflucht. Einige von ihnen sind heute noch da. Die Angst vor der Rückkehr in die serbisch verwalteten Gebiete der Srpska Republika ist größer, als das Heimweh. Im Krieg ist Lušci Palanka in rein bosnisch-serbischem Gebiet gelegen weitestgehend verschont geblieben. Das Dorf ist dem Daytoner Abkommen zum Opfer gefallen, welches die Grenzen zwischen der FBIH (muslimisch- kroatische Konföderation) und der SR (Srpeka Republika) so gezogen hat, daß größere "ethnisch reine" und zusammenhängende Gebiete entstanden sind. Eigentlich gegen den Sinn des Abkommens. Die ursprünglichen Einwohner wurden durch Vertreibung unglücklich, und die neuen Einwohner, vertriebene Moslems aus anderen Gebieten, sind in Lušci Palanka nie glücklich geworden. Das Leben ist bisher in diesen kleinen Ort nie zurückgekehrt.

Auf der linken Strassenseite (aus Blickrichtung des Betrachters) erhebt sich der Berg "Glavica" ("Köpfchen"). Auf der Rückseite diese Berges liegen die Ruinen des Anwesens unserer Familie, "Predojevič Glavica".

Die Suche nach der Kindheit - Glavica

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Anwesen des NachbarnZu dem Anwesen auf dem Berge Glavica führten auch vor dem Krieg nur Feldwege und Fußpfade.

Wir haben uns aufgemacht und wandern von Lušci Palanka aus um den Berg Glavica herum zu dem Anwesen unserer Vorfahren. Nach dem ersten Anstieg, nach ca. 2 km Fussmarsch erreichen wir die Ruinen des Anwesens des ehemaligen Nachbarn. Die nach acht Jahren inzwischen wild wuchernden Büsche und Bäume schaffen einen eigenartigen märchenhaften Zauber zwischen den Ruinen. Der Verbleib der Familie ist unbekannt. Ob je einmal jemand zurückkehrt, ist ungewiß. Die drei Kinder vor den Äckern des väterlichen Anwesens

Etwas später kommen wir aus dem Wald heraus und erreichen unsere Felder und Wiesen. Nach acht Jahren auch hier, wo früher Weideland und fruchtbare Äcker waren, nur Brachland soweit das Auge reicht.

Eine kleine Anhöhe läd zu einer Rast ein und die drei Kinder (das vierte ist nach Kanada ausgewandert) setzen sich und erinnern sich an die Kindheit, an das Hüten der Kühe und Schafe, an die Suche nach verirrten Tieren, an die Wölfe und Bären, die manchmal vom Grmec herüberkamen, an die manchmal strengen Winter, den langen Fußweg über den Berg Glavica zur Schule in Lušci Palanka, an die vielen Nachbarn und Freunde, und es kommt etwas Wehmut auf. Und man denkt an die Flucht vor den anrückenden moslemischen Truppen, die Angst vor den mordenden Mudjahedin, die Angst ums nackte Überleben. Man denkt auch an die ehemaligen moslemischen Freunde und Bekannte in den Nachbardörfern, und man begreift weder was passiert ist, noch wie es passieren konnte.

Der Berg Glavica, dahinter liegt Lusci PalankaDer Fußweg schlängelt sich weiter am Waldrand entlang und man hat einen schönen Blick auf den Berg. Von hier sind die Ruinen des väterlichen Anwesens nicht zu erkennen, obwohl sie genau vor uns liegen. Der Wald und das Buschwerk hat die Obstgärten weitgehendst zurückerobert und überwuchert alles.

Etwas weiter erkennen wir die Ruinen. Die beiden Fensteröffnungen, die uns hohl und leer anschauen, sind die Fenster der ehemaligen Kinderzimmer in der ersten Etage des Wohnhauses. Die wild wuchernden Bäume versperren heute den damaligen herrlichen Blick aus diesen Fenstern über das ganzeDie Ruinen des Haupthauses Tal, über die fruchtbaren Äcker und Wiesen. Die Obst und Gemüsegärten links von der Front des Hauses sind total verwildert. Aber trotz fehlender Pflege haben die Obstbäume allen Unbillen wiederstanden. Zwischen dem Unkraut und den wuchernden Wildbäumen begegnet uns eine geradezu üppige Fruchtbarkeit. Die Obstbäume tragen fast mehr Früchte, wie Blätter. Die Äste sind unter der Last der Früchte zum Teil gebrochen.

Weiter durch das Unterholz zu den Ruinen macht sich eine gewisse Aufregung breit. Zwischen den Büschen tauchen immer mehr Ruinen von Ställen und anderen Nebengebäuden auf. Wuchs dort nicht früher Wein? Und richtig, zwischen den Ruinen rankt immer noch, für den Unwissenden fast unsichtbar der Wein und läd zu einer kleinen Verschnaufpause mit wunderbar süßen roten und grünen Weintrauben ein.

An den Ruinen des Wohnhauses angekommen werden viele Erinnerungen ausgetauscht. Dort stand das schöne Sideboard, dort die Couch. Kannst Du Dich noch an die schönen Lüster im Schlafzimmer erinnern? Die Küche sieht eigentlich sehr klein aus. Und dort hat sich ein wesentlicher Teil des Lebens abgespielt. Wir klettern auf den Betondeckel der Zisterne und öffnen die verrostete Luke. Die 5 m tiefe Zisterne ist immer noch mit Wasser gefüllt. Aber man sieht auf dem Wasser den Unrat schwimmen, der im Laufe der Zeit hineingeworfen wurde. Hinter der Zisterne ragen die Restmauern des kleinen Vorratsraumes auf, der tief in den Felsen gehauen gleichzeitig als idealer Natur- Kühlschrank diente. Wir setzen uns auf die Zisterne und machen mit Weintrauben und einer Zigarette Rast. Es ist still, keinem ist mehr nach Reden zumute. Man erinnert sich an die vielen Jahre auf Glavica, an den bescheidenen Wohlstand und an die Flucht mit Traktor und Anhänger. Die wenigen Sachen, die man aus dem Hause retten konnte, mußten unterwegs zurückgelassen werden, um anderen Flüchtlingen Platz zu machen, die zu Fuß keine Chance gehabt hätten, den nachrückenden Moslimen zu entkommen. Man vergleicht zwischen der Jugend auf Glavica und der kläglichen Unterbringung als Flüchtlinge in Banja Luka. 7 Personen in zwei Zimmern, davon zwei Kinder, und drei ältere Menschen zwischen 73 und 88 Jahren alt, ohne Möbel, Arbeit und Brot.

Wieder zurück nach Glavica? Als Erste und Einzige? Ohne Wasser und Stromversorgung, die von den Moslimen gezielt zerstört wurden, um eine Rückkehr der Serben zu verhindern? Unter moslemische Verwaltung? Die Kinder in eine moslemische Schule schicken? Wenn alle zurückkämen, dann vielleicht. Aber man ist durch acht Jahre Flucht und Armut ohne Hoffnung und hat alle Träume verloren.

Auf dem Rückweg nach Lusci Palanka an der anderen Bergflanke vorbei kommen wir durch ein kleines bäuerliches Anwesen, wo zwei Männer dabei sind, die niedergerissenen und verbrannten Ruinen wieder aufzubauen. Es entwickelt sich ein kurzes Gespräch und es gibt ein freudiges Erkennen und Wiedersehen. Auf dem weiteren Weg wird mir von Nikolai erzählt, einem Intellektuellen, der nach den Wirren des Krieges zurückgekehrt ist in das einsame Anwesen außerhalb von Lušci Palanka, um dort seinen Lebensabend zu verbringen. Es wird mir berichtet, daß Nikolai sich besonders mit der Geschichte "derer auf Glavica" beschäftigt hat. Mir wird berichtet von den Janitscharen, die vor hunderten von Jahren durch die christlichen Dörfer und Dorfgemeinschaften ritten, um die "Knabensteuer" zu erheben, von jahrhundertelanger Unterdrückung, von Versorgungsleitungen aus Holz, die vom Berg hinab ins Tal zu den herrschenden Moslimen gebaut wurden, um diese mit Nahrungsmitteln zu versorgen, von Liebe, von Leid, von Stolz und von Treue.

Es sieht so aus, als habe die Geschichte von Glavica durch den Krieg und durch die Teilung Bosniens durch das Daytoner Abkommen endgültig ihr Ende gefunden. Vielleicht kommt noch einmal auf andere Weise Leben nach Glavica. Ganz am Ende der Ansiedlung ist eine kleine Ruine bereits aufgeräumt worden. In dieser paradiesischen Landschaft möchte jemand ein Wochenendhaus bauen. Sollte die moslemische Verwaltung bereit sein, die Strom- und Wasserversorgung wieder herzustellen......